Boegap Nidup und die Dämonin Tergang Duem

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Wie eine Dämonenfamilie in Bhutan ihr Unwesen trieb und Reisende in Trongsa und Bumthang tyrannisierte!

Nacherzählt und übersetzt von Ulrike Čokl • Titelbild von Thangkamaler Tsewang Tenzin • Dämonen Lingam © Mareike Wulff • Wald und Götteropfer © Bhutan Homestay

Früher, als es in Bhutan noch keine Straßen und Autos gab, mussten die Menschen auf  Fußpfaden von Tal zu Tal wandern. Diese Routen werden heute liebevoll „traditionelle Autobahnen“ genannt, denn sie wurden häufig begangen. Die Wege führten über hohe Bergpässe, durch dichte Wälder und reißende Flüsse. Die Wanderungen waren beschwerlich und gefährlich, je nach Witterung, aber auch wegen wilder Tiere, wie zum Beispiel Tiger, Leoparden und Bären. Die bhutanischen Wanderer zogen es für gewöhnlich vor, in Gruppen zu reisen und übernachteten oft unter freiem Himmel oder in dafür vorgesehenen Behelfshütten aus Bambus. Bei Lagerfeuer und heißem Ara (Schnaps), um die müden Glieder zu besänftigen, erzählten sich die Reisenden oft unglaubliche Geschichten.

In der bhutanischen Weltvorstellung ist die Natur nicht leer, sondern, neben Menschen und wilden Tieren, auch von unzähligen Gottheiten und Geistwesen bewohnt, die wohlwollend oder bösartig sein können. Ähnlich wie mit Mitmenschen müssen harmonische Beziehungen, thuenlam, mit solchen Gottheiten und Geschöpfen gepflegt werden, da sie sonst Menschen und Tiere krank machen können. Dazu gibt es unzählige Rituale im Alltag von kleinen Rauchopfern zu tagelangen Zeremonien. Viele Geschichten und Sagen handeln aber auch von Dämonen, mit denen nicht verhandelt werden konnte. Um gegen solche Unwesen zu bestehen, musste man die Hilfe der Gottheiten anrufen oder sehr viel Glück haben. Die meisten dieser Dämonen wurden früher oder später, laut buddhistischer Vorstellung, von Gelehrten unterworfen und zu Schutzheiligen gemacht, meist indem ein Chorten oder Tempel errichtet wurde. Bis dahin jedoch trieben sie ihr Unwesen und quälten vor allem Wanderer.

Eine meiner Lieblingsgeschichten möchte ich hier teilen. Sie handelt von der Dämonin Tergang Duem, prominentes Mitglied einer großen Dämonenfamilie, die von Wangdue bis Zhemgang ihr Unwesen trieb. Die folgende Version der Geschichte erzählte mir ein Freund, während auch wir abends bei heißem Ara vor dem kleinen Eisenofen in der Küche eines urigen Bauernhaus saßen.

Boegap Nidup und die Dämonin Tergang Duem

Tergang Duem war eine mächtige Dämonin, die in der Region zwischen Trongsa und Yotongla (Pass) ihr Unwesen trieb. Es gelüstete sie unentwegt nach Menschenfleisch- und Blut, und sie war so mächtig, dass sie sogar Menschengestalt annehmen konnte, um ihre Opfer zu verführen. Meistens können Dämonen zwar die Seelen, oder besser Lebenskraft, ihrer Opfer stehlen, aber sie nicht gleich mit Haut und Haaren verschlingen! Tergang Duem war die Schwester der berüchtigten Dämonin Nyala Duem, die beide in Palästen nicht weit vom Wanderpfad wohnten, inmitten von mystisch-schönem Urwald. Für Reisende führte kein Weg an den Palästen vorbei und noch heute kann man die Stellen sehen.,

Eines Tages sandte der Gouverneur von Trongsa seinen Höfling Boegap Nidup mit einer dringenden Botschaft nach Bumthang. Zu dieser Zeit wurden Nachrichten mit „Postmännern“ auf dem häufig begangenen Pfad zwischen Trongsa und Bumthang zu Fuss oder zu Pferd hin- und hergesandt. Die Nachricht war so wichtig, dass eine Verzögerung nicht in Frage kam, obwohl es schon sehr spät am Tag war. Boegap Nidup besaß ein ausgezeichnetes Pferd und machte sich also bei Dämmerung und Nebel auf den Weg. Er trug ein Schwert, patang, an seiner Seite, und Pfeil und Bogen am Rücken.

Als er so in der Dunkelheit vor sich hinritt, und sich dem Palast der Tergang Duem näherte, wurde Boegap Nidup nervös und langsam kroch in ihm die Furcht hoch. Seine Sinne waren angespannt und er wusste, dass die berüchtigte Dämonin jeden Moment vor ihm auftauchen könnte, da sie nicht sehr subtil und flüchtig war, sondern verführerische Menschengestalt annehmen konnte. In der Tat, es dauerte nicht lange, da tauchte plötzlich ein junges, schönes Mädchen aus dem Nichts vor ihm auf. Sie kam an seine Seite und fragte: „Bruder (Au) wohin führt es dich zu dieser späten Stunde?“ Boegap Nidup erkannte mit einem Schlag, dass es die Dämonin Tergang Duem war und es liefen ihm eiskalte Schauer über den Rücken. Er nahm jedoch all seinen Mut zusammen und antwortete auf ihre Frage, wobei er so tat als wäre er unbeeindruckt. Die Dämonin ließ nicht locker und bohrte weiter: “Bruder, wie heißt du denn?“ Boegap Nidup zögerte kurz und erwiderte: „Ich heiße Ranye“. Nun, Ranye ist ein interessanter Name, denn ra heißt „selbst“ und nye soviel wie „Schuld“, der Name bedeutete also „selber Schuld“! Die schöne Dämonin erkundigte sich weiter „Bruder, fürchtest du dich denn nicht vor Tergang Duem, der mächtigen Dämonin? Ich habe viel gehört über ihrer Blutrünstigkeit. Was wirst du denn tun, wenn sie plötzlich vor dir steht?“ Boegup Nidup erschauerte, aber antwortete tapfer: ”Wenn ich Tergang Duem sehe, was gibt es da zu fürchten? Ich schieße sie tot, mit meinem Pfeil und Bogen!“ Daraufhin antwortete das Mädchen: “Was aber, wenn du den Pfeil nicht aus dem Köcher ziehen kannst?“ Daraufhin griff Boegap Nidup heimlich zum Pfeil und tatsächlich, er konnte ihn kein bisschen bewegen! Schnell erwiderte er: “Wenn ich meinen Pfeil nicht herausziehen kann, dann ergreife ich mein Schwert und erschlage sie!“ Dazu meinte die Dämonin: „ Aber Bruder, was machst du, wenn du dein Schwert nicht ziehen kannst?“ Boegap Nidup spürte, wie ihm der kalte Angstschweiß in den Nacken floß, als er das Schwert tatsächlich nicht ein Stück bewegen konnte. Die Dämonin hatte nun also schon Pfeil und Schwert verflucht und fragte höhnisch weiter: “So sag‘ doch Bruder, was machst du nun, wenn du das Schwert auch nicht ziehen kannst?“ Nach einer Weile antwortete Boegap Nidup: “Wenn ich mein Schwert nicht ziehen kann, dann gebe ich ihr ngabcha dugum.“  Nun, ngabcha heißt „fünf Finger“, und dugum heißt Faust, aber die Dämonin verstand nicht was er meinte und erkundigte sich: “Bruder was bedeutet ngabcha dugum?“  Es dämmerte Boegap Nidup, dass er ngabcha dugum nicht anwenden konnte, wenn er ihr erklärte was damit gemeint war, genauso wie zuvor bei Pfeil und Schwert. Er meinte also zu Tergang Duem, wenn sie das wirklich wissen wolle, dann könne er es ihr zeigen. Daraufhin gab er ihr einen starken Fausthieb ins Gesicht. Die Dämonin schrie auf vor Schmerzen, stolperte und rollte den Hang hinunter. Sie konnte nichts mehr sehen, so schwarz wurde ihr vor Augen. Als sie wieder halbwegs zu sich gekommen war, schrie sie zornig um Hilfe nach ihren Schwestern und ihrem Onkel, einem mächtigen Dämon in Kheng. Diese kamen zu ihr geeilt und versuchten herauszufinden, wer ihr das angetan hatte. Tergang Duem rief unentwegt „Ranye, Ranye“! Ihre erstaunte Familie verstand jedoch nur „Selber schuld! Selber Schuld!“

In der Zwischenzeit war Boegap Nidup schon über alle Berge und hatte einen Riesenvorsprung erreicht. Auf dem Yotongla Pass, der die Grenze zu Bumthang markiert, musste er sein erschöpftes Pferd zurücklassen und zu Fuß weiterlaufen. Er rannte in Todesangst bis nach Chumey, wo er den Chukshi lhakhang (Tempel) erreichte. Geschwind suchte er Zuflucht bei Jolam, der Gottheit des Tempels, indem er drei Niederwerfungen machte und sie um Hilfe anflehte.

Inzwischen hatten die Dämonen den Yotongla Pass erreicht. Sie erschlugen das arme Pferd und verschlangen sein Fleisch und traken sein Blut, um sich zu stärken. Dann nahmen sie die Verfolgung Boegap Nidup’s schnell wieder auf, bis sie ihn schließlich beim Tempel einholten. Die ganze Nacht hindurch polterten die Dämonen an die Tür, schrien und machten furchteinflößenden Lärm. Die Schutzgottheit Jolam hatte jedoch inzwischen Boegap Nidup’s Anrufe und Flehen erhört und jagte die Dämonenfamilie mit riesigen Feuerbällen zurück nach Trongsa.

Am nächsten Tag, und nachdem er der Gottheit gehuldigt hatte, konnte Boegap Nidup also in Ruhe und Frieden seine Reise fortstetzen. Er hatte nicht nur Mut und Schlauheit bewiesen, als er die Dämonin überlistete, sondern auch seine guten Beziehungen, thuenlam,  zur lokalen Schutzgottheit halfen ihm beim Überwinden der letzten Hürden am Weg! Die Moral der Geschichte für BhutanerInnen ist, dass die Beziehungen zu und die Balance mit den lokalen Schutzgottheiten aufrechterhalten werden müssen, damit man im Notfall mit kosmischer Unterstützung rechnen kann!

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